Der letzte Spaziergang

Der letzte Spaziergang

Hunderte von Regentropfen prasseln an mein Fenster. Große und schwere Regentropfen, die nach einem langen Gewitter ihren letzten Weg auf die Erde finden. Der leise und kühle Wind, der draußen weht, kündigt den kommenden Herbst an. Sanfter Nebel zieht auf und die Straßen sind unbelebt – und unheimlich.

 

Dieses Wetter spiegelt meinen Gemütszustand wider.

Es ist der typische Sonntagabend und es ist viertel nach Acht, als ich das Haus verlasse und die Straßen als Einzige besuche.

Kein Mensch kreuzt meinen Weg, als ich den Weg zum Wald einschlage und mich auf meinen alltäglichen Spaziergang vorbereite. Es ist Gewohnheit geworden und nichts und niemand, keiner meiner Verwandten oder Bekannten – ja nicht einmal das Wetter – kann mich aufhalten, dieses Weg fortzusetzen. Es ist mein eigenes kleines Ritual.

 

Weshalb ich das tue?

 

Mein ganzes Leben habe ich nach dem einen Mann gesucht.

Mein ganzes Leben lang habe ich davon geträumt, der Traum eines Mannes zu sein.

Und ich fand ihn – ich fand meinen Seelverwandten.

Ich traf ihn, als ich an einem schönen Sommermorgen am Joggen war und mir ungeschickter weise den Knöchel verstauchte und zu Boden fiel.

Er war da, er half mir wieder auf die Beine. Ich verliebte mich sofort, als ich in seine dunklen und geheimnisvollen blauen Augen blickte.

Es war Liebe auf den ersten Blick – die Luft um uns herum knisterte.

Von nun an sah ich ihn jeden Tag, anfangs redeten wir nur Small Talk, doch eines Tages lud er mich zum Essen ein. Später tranken wir noch einen Kaffee in seiner Wohnung – und somit begann unsere innige Beziehung.

Wir liebten uns täglich, flüsterten uns Liebesworte und andere Zärtlichkeiten ins Ohr – ich lebte mit ihm in einem Traum, der niemals enden sollte.

Meine Familie war vernarrt in ihn – keiner wollte ihn jemals wieder missen.

 

Mein Blick wird trübe, als ich an die vielen wundervollen Stunden zurück denke, in denen wir so glücklich waren, doch ich schüttle schnell meinen Kopf und setze meinen Weg fort – noch immer regnet es in Strömen.

Der Boden unter mir ist matschig und mit jedem Schritt sinke ich etwas tiefer in die lehmige Erde ein. Doch es interessiert mich nicht. Nichts interessiert mich mehr – und wird es auch in ferner Zukunft nicht.

Denn heute wird der letzte Spaziergang meines Lebens sein.

Ich sehe keinen Grund mehr, noch länger auf diesem Planeten zu verweilen.

 

Er war 27 Jahre alt, als er starb.

Er war ein junger, attraktiver und sportlicher Mann und er starb als kranker und hilfloser in den Armen derjenigen, die er liebte – in meinen Armen.

Um mich zu schützen, hatte er mir von seinem Geburtsfehler nichts erzählt. Sein Herz trug er auf der rechten Seite - es enthielt zudem ein Loch.

Die Ärzte hatten ihm ein nicht all zu langes Leben versprochen – er sollte maximal 18 Jahre alt werden. Um sein Leben zu genießen, sollte er es so weiterführen wie ein junger, kräftiger und gesunder Mann – was er auch getan hatte.

 

Regentropfen benetzen mein Gesicht – oder sind es Tränen, die meinen rot geschwollenen Augen ein weiteres Mal entweichen?

Ich wundere mich, dass ich überhaupt noch instand bin, über ihn zu weinen, wo seit dem Tag genau ein Jahr verstrichen ist.

Meine Augen klären sich kurz und ich erkenne die Gegend um mich herum.

Es ist wie ein heftiger Schlag, der meinen ganzen Körper erzittert.

Ich bleibe stehen – an einer Stelle, die ich bisher immer gemieden habe; sie ruft zu viele schmerzhafte Erinnerungen hervor... es ist die Stelle, an der ich meinen Seelenverwandten traf und an der mein Geliebter zusammenbrach und starb.

Noch heute sehe ich sein Gesicht und trotz der Schmerzen hatte er gelächelt – weil ich es war, die ihm bei gestanden und nicht verlassen hatte.

Ich blicke zum Himmel empor.

Meine Augen werden glasig – hatte ich vor einigen Minuten etliche Schlaftabletten geschluckt, um einen schmerzvollen Tod zu vermeiden.

„Nicht mehr lange mein Liebster...“

Meine Stimme klingt weit entfernt – nicht von dieser Welt. Ich spüre meine Beine kaum noch, lasse mich zu Boden sinken – meine Hose klebt nun von Nässe und Dreck.

Es ist mir egal.

Die Gegend um mich herum verblasst, die Geräusche verstummen, die Luft um mich herum wird kälter – ich friere.

 

Plötzlich spüre ich etwas hinter mir – spüre eine bekannte Wärme und höre die Schritte, welche ich so lange nicht mehr gehört, doch gleich wieder erkenne.

Es sind deine Schritte.

Arme, welche sanft und doch so stark, umfangen mich und geben mir Trost.

Ich spüre die Hoffnung in mir, dich endlich wiederzusehen – und ich werde nicht enttäuscht, als ich mich zu dir herumdrehe.

Deine Augen blicken mich voll Liebe an, dein Lächeln vertreibt die Kälte in mir, die Angst schwindet.

Ich brauche keinen Himmel, kein Paradies. Alles was ich brauche, bist du.

„Ich liebe dich!“

Dein strahlendes Lächeln vertreibt die Finsternis, die sich um mich herum aufgebaut. Ich sehe dein Äußeres, spüre deinen regelmäßigen Herzschlag unter meinen kalten Händen.

Ich spüre, wie du mich fest an dich drückst und nicht länger den Boden unter meinen Füßen.

Und dann sind wir eins – du und ich, und werden es für immer sein!

 

 

Leise und ruhige Schritte hinter mir.

Schritte, die vertraut und doch so fremd.

Schritte, die bewusst und doch zögernd.

Schritte, welche mitteilen, wie sehr du mich liebst.

Schritte, die mir sagen, dass du bei mir bist.

Schritte, die mir sagen, dass du mich nie wieder verlässt.

Schritte, die deine sind – und meine!

13.10.13 21:33

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